Liebe Leserinnen und Leser,

 

Stühle stehen an der Wand aufgereiht. Acht Menschen schweigen. Auf dem kleinen Tisch steht ein Adventskranz. Der Mann gegenüber mit dem grünen Schal hustet. Er liest Hermann Hesse. Steppenwolf. Er hat sich aufs Warten vorbereitet. „Frau Schmidt, bitte." Die Arzthelferin hat ihren Kopf durch die Tür gesteckt. Eine weißhaarige Frau mit einem Verband am Handgelenk steht umständlich auf, ihre Illustrierte fällt auf den Boden. Ich hebe sie auf. Zwei freundliche Blicke ersetzen weitere Höflichkeiten. Sie geht hinaus und unsere Wartezimmerruhe ist wiederhergestellt. Die Sonne scheint durchs Fenster. Neben dem Herrmann-Hesse-Mann hat der Schatten vom Gummibaum Platz genommen. Die Tür geht auf. Alle blicken hoch. Ein neues Mitglied in unserer Wartegemeinschaft. „Ach, Maria", begrüßt die Neue die Frau neben mir. „Was machst du denn hier?" - „Ach, frag nicht! Wieder die Bandscheibe." Die Stimmung im Wartezimmer ändert sich. Die beiden sprechen viel. Wir erfahren, dass Elfis Mann das auch so schlimm hatte. Ihre Nachbarin ist jetzt im Seniorenheim und in die Wohnung ziehen Studenten ein, sind aber ganz nett.

Der Mann mir gegenüber hat Hermann Hesse zugeklappt. Seinem Blick ist anzumerken, dass er zuhört, was Maria und ihre Freundin erzählen. Ich schaue mich um. Alle hören zu. Blicke treffen sich, als Maria gerade erzählt, wie sie immer die Zimtsterne macht. Wir lächeln uns zu. Zwei andere reden jetzt leise.

Eben waren alle mit ihren Schmerzen oder Sorgen allein. Jetzt nehmen wir uns wahr, schmunzeln und reden. Ich hab es ja immer gewusst: Warten ist gut für uns - es bringt uns einander näher. Man muss nur mal anfangen damit. Und deshalb gibt es den Advent: damit wir warten lernen, uns anschauen und zuhören, was ER uns zu sagen hat....

 

Ihre Pfarrerin Christiane Nolting